Bildergalerie "Geschichte der Insel Venedig"

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Geschichte der Insel Venedig und ihrer Bebauung                         Aus: Meike Kozok, Ansgar Brockmann , Hendrik Wehming, Die Villen der Venedig. Universität Hannover 2000

 

"Auf den ersten Blick scheint die Hildesheimer Venedig nicht viel mit der Stadt

an der Adria gemein zu haben. Man denkt vielleicht zunächst an einen dichtbesiedelten

Stadtteil, der von Wassergräben durchzogen ist und an eine Bebauung, die bis an

das Wasser reicht. Jedoch ist genau dieses nicht der Fall, denn die Häuser in

diesem Gebiet sind übenwiegend freistehend und auch Kanäle zwischen

den Häuserzeilen wird man hier vergeblich suchen.

Strenggenommen muss man in Hildesheim zwischen einer „kleinen" und „großen"

Venedig unterscheiden. Die Teilung ist Folge der Stadtbefestigung im 16. Jahrhundert,

als man den Langelinienwall und den Kalenberger Graben anlegte.

Sie durchschnitten das Gebiet der Venedig, das zwischen dem Mühlengraben

und Innerste liegt.

Grundlage der Betrachtungen soll jedoch ausschließlich die Große Venedig

sein, die von ihren Bewohnern oftmals auch bezeichnenderweise „die Insel"

genannt wird. Es zeigt sich damit auch schnell der Zusammenhang mit dem

italienischen Vorbild, denn dieser Hildesheimer Stadtteil ist tatsächlich

ringsum von Wasser umgeben.

Im Norden befindet sich der Kalenberger Graben, ein Rest der einstigen

Stadtbefestigung, der weiter östlich an den Mühlengraben anschließt.

An dieser Stelle befindet sich eine Durchfahrtsmöglichkeit in Richtung Altstadt.

Hier befand sich einst ein Stadttor, als Bastionsanlage verstärkt.

Der Mühlengraben fließt von hier an in Richtung Innenstadt weiter.

Seinen Ursprung findet er im östlichen Teil der Venedig, wo er von der Innerste

abzweigt. Wie der Name bereits sagt, wurde er ursprünglich zum Antrieb innerhalb

der Stadt gelegener Mühlen genutzt. Seine Wassermenge wird mit Hilfe einen Wehres

reguliert, das sich anhand historischer Karten schon sehr früh nachweisen lässt.

Die Innerste fließt im südwestlichen Bereich an der Venedig vorbei und berührt am

äußersten westlichen Zipfel fast unmittelbar den Kalenberger Graben. An diesem Punkt

befindet sich ein weiterer fester Zugang.

Das allgegenwärtige Wasser, das auf den ersten Blick als Idylle erscheint,

wird im Mittelalter und in der frühen Neuzeit stets eine Bedrohung gewesen sein,

da man sich das Gelände um ein vielfaches niedriger als heute vorstellen muss,

und somit immer wieder Überschwemmungen eine Nutzung des Gebietes schwierig

gemacht haben dürften.

Diese Tatsache, dass das Wasser kaum an einer anderen Stelle der Stadt eine

derartige Gefahr bedeutet und besonders in regenreichen Jahren oftmals

die Oberhand gehabt haben dürfte, verdankt dieser Bereich schon frühzeitig

den Namen Venedig. Diese Bezeichnung lässt sich als „in Venecis“ bereits 1283 in einer

bischöflichen Urkunde Nachweisen.

Unmittelbar vor den Toren Hildesheims gelegen, befand sich das Gebiet der Venedig

größtenteils im Besitz des Bischofs. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Name

erstmals in der bischöflichen Urkunde von 1283 fällt, in der Einnahmen aus dem

Gebiet verzeichnet sind. Dieses bezeugt indirekt eine Nutzung des Areals, da

schließlich für Brachland keine Zinsen erhoben werden konnten. Doch schweigt sich

diese Urkunde über eine genaue Nutzung aus. Man kann annehmen, dass

überwiegend Viehhaltung betrieben wurde, weil in einer späteren Urkunde aus dem

Jahre 1367 das Treiben von je zwei Kühe pro Bürger auf die Weiden der Venedig gestattet wurde.4

Angesichts des guten Bördebodens im Hildesheimer Raum ist aber auch früh an eine

gartenähnliche Nutzung zu denken. Es kann für das 12., spätestens aber für das

13. Jahrhundert eine Sicherung des Geländes gegen Überflutung mit einem Wall

angenommen werden, eine Grundvoraussetzung für Acker- und Gartenbau in einer

Niederung, wie sie hier zu finden ist.

Für eine gärtnerische Nutzung spricht auch, dass die ansonsten vollständig

befestigte Stadt in diesem Bereich über Jahrzehnte nur durch die Innerste

geschützt war. Erst ab 1511 wird hier das Befestigungswerk vollendet,

vielleicht weil man den fruchtbaren Boden lange Zeit nicht für derartige Dinge

opfern wollte, wie der Stadthistoriker Gebauer annimmt.

In jener Zeit wird der Kalenberger Graben angelegt und mit dessen Aushub der

Langelinienwal! aufgeschüttet.

Durch diese Maßnahme erfolgt eine Teilung der Venedig, die ursprünglich vom

Mühlengraben und Innerste begrenzt wurde, in eine kleine Venedig, nördlich der

Befestigungsanlage gelegenen, und eine große Venedig, die sich südliche, außerhalb

der Stadtbefestigung zwischen Kalenberger Graben und Innerste befindet.

Die Stadt versuchte schon früh das Gebiet aus der Hand der Kirche zu erwerben,

die jedoch an ihren Grundbesitz festhielt. Eine Besiedelung des Geländes wäre dann

möglicherweise schon eher erfolgt, wenn die Fläche in den Besitz der Hildesheimer

Bürger übergegangen wäre, da die Stadt räumlich stark eingeschränkt war

und man deswegen bereits im späten Mittelalter nach Erweiterungsmöglichkeiten

suchte. Erst 1394 gelang es Hildesheim, die als wohlhabendes Mitglied der Hanse

dem Bischof finanziell unter die Arme gegriffen hatte, die als Pfand erhaltene Fläche dem

Bischof abzutrotzen.

Ausdrücklich wird seitens der Stadtverwaltung um das Abladen von Abfällen gebeten,

was nach und nach zu einer Anhebung des Bodenniveaus in der Venedig führte.

Jedoch konnten diese Maßnahmen das Wasser nicht dauerhaft daran hindern,

das immer noch tief gelegene Gebiet zu überfluten.

Es ist schließlich nicht genau ersichtlich ist, ob es erwünscht oder unbeabsichtigt

geschah, dass die Bereiche der großen und kleinen Venedig am Heiligen Abend

1531 vollends im Wasser versanken. Es mögen durchaus militärische Gründe dafür

gesprochen haben, um damit die Stadt sicherer zu machen.

Doch man verstand es, die entstandenen Wasserflächen auch anderweitig zu nutzen.

So wurde fortan Fischzucht betrieben, die sich jedoch schon bald als wenig

profitabel erwies und daher oftmals in Frage gestellt wurde.

Zwar gelang es immer wieder Interessensvertretern den Rat von einer Weiterführung

der Fischerei zu überzeugen, doch 1602 siegte schließlich die Vernunft, nachdem

wieder einmal die Ausgaben nicht durch die Einnahmen gedeckt werden konnten.

Somit wurden die Teiche trocken gelegt und die Venedig In kleine Parzellen aufgeteilt,

um diese dann Bürgern der Stadt zu verpachten.

Ganz zufrieden konnten die Stadtvater mit der neuen Situation allerdings auch

nicht sein, da die Pächter Ihre Flächen als ihr Eigentum ansahen und daher Brunnen

anlegten, das Landstück bebauten oder gar mit Hypotheken belasteten.

Als sehr nachteilig wertete man die erleichterte Angreifbarkeit der Stadt In den

Zelten der großen Glaubenskonflikte seit dem Fehlen des Wassers.

So beschloss der Rat 1612 Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres die Venedig

erneut zu fluten. Dass man damit In Kriegszelten die ohnehin nicht zum Besten

bestellte Versorgung der Stadt­bevölkerung noch verschlimmert hatte,

sah man erst später ein und entließ das Wasser bereits 1617 wieder aus den Gärten.

Eine weitere Flutung des Gebietes erfolgte dann nur noch einmal aus militärischen

Gründen bei einer drohenden Annäherung feindlicher Truppen am Ende des

Dreißigjährigen Krieges.

Auch nach der zwischenzeitlichen Flutung des Areals widersetzten sich die Pächter

den Vertragsbedingungen der Stadtverwaltung, die jedoch auch nichts gegen

ungenehmlgtes Bebauen oder Verkaufen von Flächen unternahm.

Grundlage der Nutzung war Erbpacht, die ein Verkauf eigentlich ausschloss.

So entstanden schon bald großflächige Parzellen, auf denen sich Ihre „Eigentümer"

mancherorts Gartenanlagen mit aufwendigen Ornamenten und Gartenhäusern

anlegten, wie man es auf einem Plan von 1769 erkennen kann.

Bereits im frühen 18. Jahrhundert entstanden erste massive Bauten, regelrechte

„Lusthäuser" nach Vorbild des Adels. Reste eines solchen Gebäudes finden sich

noch am Haus Große Venedig 4. Der Besitzer betreibt noch heute eine von zwei

gewerblichen Gärtnereien, von denen es in diesem Stadtteil einst mehrere

gegeben hat.

Bis zur planmäßigen Bebauung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts dienten die

Parzellen als Nutz- und Ziergärten den Bürgern der Stadt, vergleichbar mit den

aus dem heutigen Stadtbild der Großstädte nicht mehr wegzudenkenden

Schrebergärten. Von der gärtnerischen Tradition zeugen noch heute zahlreiche

Gartenpfeiler aus Sandstein, die vielerorts die einstigen Zugänge der Gärten

erkennen lassen.

Von einer planmäßigen Besiedlung der Venedig kann erst ab Ende des

19. Jahrhunderts gesprochen werden. Bis dahin entstanden Gebäude seit der

letzten, zumeist bewusst vorgesehenen Flutung des Areals zum Ende des

Dreißigjährigen Krieges eher zufällig und ohne ein planerisches Instrument.

Zumindest gab es seit dem Anschluss Hildesheims an Preußen im Jahr 1806 eine

Bauverordnung, nach der jedes Bauvorhaben angezeigt und genehmigt

werden musste, aber vorausplanende Medien (Flächennutzungsplan,

Bebauungsplan) gab es zunächst nicht.

Eine Aufteilung der Venedig in kleine Parzellen wird sehr früh erfolgt sein

und ist bereits auf einem Plan von Merian, datiert 1653, nachweisbar. Zur ersten

Bebauung in dem Gebiet zählen kleine Gartenhäuser, die ab dem 18. Jahrhundert

möglicher­weise zur Unterbringung von Gartengeräte entstehen. Aber auch erste

Wohnhäuser werden gebaut, von denen die vermutlich um 1720 errichtete

Villa Große Venedig 4 eine der frühesten gewesen sein dürfte. Sie ist nach 1945

ausgebrannt, wobei sich Reste der massiven Mauern mit den alten

Fenstereinfassungen aus Sandstein im Neubau erhalten haben.

Auf dem Grundstück Große Venedig 3 befand sich ebenfalls bis 1945 eine

kleine Villa, womöglich aus dem 18. Jahrhundert. Ein von Gebauer in die Zeit

um 1825 datiertes Landhaus des Grafen Wrisberg an der Großen Venedig, heute

Humboldtstraße 10, ist noch weitestgehend im ursprünglichen Zustand erhalten

geblieben.

Es bildete zusammen mit seitlich flankierenden Wirtschafts­gebäuden einen kleinen,

von drei Seiten umschlossenen Ehrenhof und war lange Zeit das prächtigste

Gebäude der Venedig, was im gewissen Maß auch die Beliebtheit des vor den

Toren der Stadt gelegenen Quartiers als Wohngebiet widerspiegelt.

Weitere Bebauung zeigt ein erster detaillierter Plan von 1873, wonach etwa jedes

Grundstück auch ein mehr oder weniger großes Gartenhaus besessen hat.

Größere Gebäude lassen auf ein Wohnhaus oder Gewächshaus schließen, so

etwa entlang der heutigen Lucienvörder Strasse, die bereits als schmaler Weg

vorhanden ist, über dessen Nutzung sich allerdings leider keine Aussage mehr machen

lässt.

Erschlossen wird die Venedig bereits früh von einem rund um das Gebiet führenden

Weg, der im wesentlichen noch dem heutigen Straßen verlauf der Großer Venedig,

des Mühlen- und Kalenberger Grabens entspricht und bis in die Gegenwart auf

der Dammkrone des alten Schutzwalles verläuft. Ein weiterer Weg befindet sich

etwa im Bereich der heutigen Gaußstraße, endet aber abrupt vor einem

Entwässerungs­graben, der das Areal damals durchfloss und in zwei Hälften zerteilte.

Bis dicht an ihn heran wurde ein Großteil der Gartenhäuser gebaut.

Ein Bauantrag von 1888 für das Grundstück Mühlengraben 22, damals wurde dieser

Straßenabschnitt jedoch noch als Große Venedig bezeichnet, markiert den

Wendepunkt zu einer planmäßigen Bebauung gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Auch wenn dieses Bauvorhaben nicht realisiert wurde, manifestiert sich hier die

beginnende Einbeziehung der Venedig in das Stadtgefüge Hildesheims.

Der Grund dafür liegt in dem rasanten Bevölkerungsanstieg. Im Zeitalter der

Industrialisierung Im 19. Jahrhundert, zum Teil auch bereits früher, gelang es

einigen Bürgern aufgrund eines geerbten Vermögens oder einer innovativen

Idee ein Unternehmen zu gründen, das sich in Zeiten wirtschaftlicher Expansion

zu einem Industriebetrieb mit Hunderten von Arbeitskräften entwickelte.

Die durch den Zusammenbruch der Zünfte sowie durch neue Produktionstechniken

und Maschinen arbeitslos gewordenen Handwerker und Landarbeiter fanden eine

neue Beschäftigung in diesen Fabriken. So bewirkte die Industrialisierung in den

Städten ein enormes Bevölkerungswachstum.

Ein Stück neben dem Haus Mühlengraben 22 auf dem Grundstück Nummer 20

wird 1890 ein zweigeschossiges Wohnhaus errichtet. 1895/1896 werden die

Nachbargrundstücke bebaut und 1897 entstehen die Häuser Kalenberger Graben 1

sowie Lucienvörder Strasse 2. Kurze Zeit später kommen hier noch weitere Häuser

hinzu. Somit bildet dieser Bereich der Venedig die Keimzelle der planmäßigen

Bebauung.

Bereits um die Jahrhundertwende scheinen sich die Stadtväter über die künftige

Gestalt des neu entstehenden Stadtteils im Klaren zu sein. Offensichtlich stellt man

sich eine für die damalige Zeit typische Blockrandbebauung vor. Sie ist Kennzeichen

vieler Stadterweiterungen zur Zeit der industriellen Revolution.

Entlang der gradlinigen Straßen sind Versorgungsleitungen für Gas und Trinkwasser

verlegt.

So wird auch in der Großen Venedig bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts eine

entsprechende Infrastruktur angelegt worden sein, wie sich auch anhand der

Hausgrundrisse erkennen lässt, die bereits früh mit einer Toilette und einem Bad

ausgestattet sind.

Ab 1902 beginnen Bauarbeiten in der neu angelegten Humboldtstraße, die im

östlichen Bereich bis zur später entstehenden Leibnizstraße bereits 1905

weitestgehend bebaut ist. Für den gradlinigen Bau der Humboldtstraße war

es dann wohl offensichtlich erforderlich die südliche Wagenremise der

hufeisenförmigen Anlage des ehemaligen Lustschlosses der Grafen von Wrisberg

an der Humboldtstraße 10 abzureißen. Gleichzeitig verschwand ein Großteil des

Sockelgeschosses des Hauptgebäudes zusammen mit der Freitreppe im Erdreich,

da man an dieser Stelle gewaltige Erdmassen aufgefahren hat, um das

gleiche Niveau der Straße Große Venedig zu erreichen.

Bis zum Ersten Weltkrieg werden noch die Gaußstraße und die Weberstraße angelegt,

die jedoch erst ab etwa 1910 bebaut werden. Eine weitere Querstraße war zwischen

Lucienvörder Straße und dem südlichen Ende des Gebiets geplant. Das Projekt wird

jedoch ebenso wenig realisiert, wie ein zwischen den Weltkriegen entwickelter

Plan einer die Stadt umgebenden Ringstraße, die als „Hansaring" im südwestlichen

Bereich die Venedig durchschnitten hätte. Anstelle dessen entsteht die

Leibnizstraße als Fragment dieser nicht realisierter Planungen von der

Lucienvörder Straße an beginnend bis ans nördlichen Ende in einer Sackgasse

endend.

Nach 1910 entstehen weitere Häuser im nördlichen Bereich des Kalenberger

Grabens (Nummer 28 bis 31), von denen die Nummer 31 dem Zweiten Weltkrieg zum

Opfer fiel.

Entlang des der Innersten zugewandten Straßenzuges Große Venedig entstehen

bis 1911 zunächst keine Neubauten. Eine Konzentration der Bautätigkeit zeigt

sich also nur zwischen der Gaußstraße und der Lucienvörder Straße sowie am

Kalenberger Graben. Hier wird die Nähe zum Stadtkern ausschlaggebend

gewesen sein. Möglicherweise scheute man aber auch die unmittelbare

Nachbarschaft zur Innerste, da man in damaliger Zeit ohne ausreichende

Hochwasser-Schutzmaßnahmen sicherlich noch mit Überschwemmungen rechnen

musste.

Seit dem 19. Jahrhundert entstehen neue soziale Gesellschaftsschichten:

die Besitzer der Fabriken und kleinerer Unternehmen sowie hohe Beamte, dem

gegenüber die Arbeiterschicht, die in den Fabriken beschäftige war.

Das Proletariat wohnte meistens nah bei den Fabriken in Mietskasernen der Arbeiterquartiere. Zwar lebten anfangs die Industriellen häufig noch in einer

Villa auf dem Fabrikgelände, doch schon bald wurde es üblich ein geräumiges

Wohnhaus in einem durchgrünten Villenvorort zu bauen.

Dieser gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch ging natürlich auch

an der Stadt Hildesheim nicht spurlos vorüber. Wie andere deutsche Städte,

erlebte Hildesheim einen Aufschwung und wurde zur Industriestadt, blieb

allerdings hinter der Entwicklung der verkehrsgünstiger gelegenen

Provinzhauptstadt Hannover zurück.14 Die Industrieunternehmen siedelten sich

im Norden der Stadt an. Hauptsächlich dort und im Osten der Stadt entstanden

die Wohnviertel der Arbeiter mit knapp bemessenen Wohnungen. Die großzügigen

und freistehenden Villen des mittleren und gehobenen Bürgertums hingegen

sind vor allem südlich des Stadtzentrums zu finden, so z.B. entlang der Sedanstraße

und in der Großen Venedig.15 Die Vorbilder zur Planung des neuen

Hildesheimer Stadtteils können sicherlich in den großen Stadtumbauten

deutschsprachiger Großstädte, wie etwa in Wien oder Köln gefunden werden.

Besonders in Köln lassen sich viele Parallelen zu Hildeshelm entdecken:

Es ist zunächst die Entbehrlichkeit der teilweise mittelalterlichen Stadtbefestigungen,

die den funktionalen und auch gestalterischen Ansprüchen der Kommunen

längst nicht mehr genügen. Die frei werdenden Flächen können als Wohnbauland

umgenutzt werden, das für die rasant ansteigenden Einwohnerzahlen dringend

benötigt wird. Wie in der Venedig versuchte man auch in der Stadt am Rhein

in den neu entstandenen Stadtteilen wohlhabende Leute anzusiedeln. Auch die

Idee zur Anlage einer Ringstraße findet sich ja in Hildesheim wieder, wird aber letztlich nicht realisiert16.

Die angestrebte Blockrandbebauung wird zwar auch anfangs eingehalten

(Lucienvörder Straße, Mühlengraben), weicht aber nach 1900 einer offenen

Bauweise, bei der die Häuser frei stehen, wenn auch nur mit geringfügigem

Abstand zu den Nachbargebäuden (Humboldtstraße, Kalenberger Graben).

Offensichtlich verfolgte man hier gezielt die Absicht, wohlhabende Bürger

anzusiedeln. Vorbild waren die großen Villen der Fabrikanten in den Vororten

industrieller Großstädte wie etwa in Magdeburg oder dem nahen Hannover.

In der Hildesheimer Venedig beträgt zwar der Abstand von Haus- und

Grundstücksgrenze vielfach nur einige wenige Meter, jedoch konnte man

sich so von dem Proletariat abgrenzen, das üblicherweise in Häuserblocks mit

geschlossener Fassadenfront wohnte.

Das Bestreben, ein gutbürgerliches Wohnquartler entstehen zu lassen gelingt

jedoch nur teilweise, denn ein Großteil der Villen wird als Mietshäuser gebaut,

wie es die Grundrisse zeigen, aber auch die Adressbücher der Stadt verraten,

wonach die meisten Häuser von mehreren Mietparteien belegt sind.

Oftmals werden diese Etagenwohnungen, vor allem im Dachgeschoss, auch

vom mittelständigen Bürgertum angemietet. Äußerlich deutet jedoch kaum

etwas darauf hin, da man großen Wert auf Repräsentation legt. Dies zeigt

sich schon durch die großzügige Verwendung von Ornamentik und Bemalung

der Fassaden. Der Bauherr bewohnt das Gebäude zumeist nicht selbst. In den

historischen Adressbüchern tauchen bestimmte Namen gleich an mehreren Stellen

als Eigentümer auf.

Ein Problem der offenen Bebauung bei gleichzeitigem Festhalten an der

Blockstruktur ergibt sich in der Venedig an den Eckgrundstücken. Diese weisen

meist nur einen sehr geringen Gartenanteil auf, da hier zwei Seiten an der Straße

liegen, während an den seitlichen bzw. hinteren Grundstocksgrenzen bereits die

Nachbarbebauung nach wenigen Metern anschließt. Das zeigt sich an den

Grundstücken Kalenberger Graben 7 bis 9 besonders deutlich. Hier nimmt das

Gebäude fast die gesamte Grundstücksfläche ein. Der Garten beschränkt sich auf

einen schmalen Streifen zur Straße hin. Erst später begegnet man diesem Problem

durch großzügiger geschnittene Baufelder.

Die Spekulation oder Angst vor einer drohenden Inflation spielt zur Jahrhundert­-

wende allgemein eine große Rolle, was in vielen Großstädten zur Folge hat, dass die

Grundstückspreise aufgrund des Baubooms ins Unermessliche steigen.

Auch in der Venedig wird dieser Trend spürbar gewesen sein und würde einerseits die rege Bautätigkeit miterklären, möglicherweise werden Grundstücke aber auch

nur gekauft und liegen brach.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstehen dagegen nur vereinzelt Gebäude, so dass

bis heute noch unbebaute Grundstücke vorhanden sind.